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28.11.2017

111 GRÜNDE TISCHTENNIS ZU LIEBEN von Jan Lüke

Die TTVR-Schmunzelecke: Grund 13: Weil Tischtennis erfolgreich geklont wurde

Grund 13:  Weil Tischtennis erfolgreich geklont wurde

Mancher Klon hat es schon zu Weltruhm gebracht. 1996 etwa. Da sorgte ein walisisches Bergschaf für Aufmerksamkeit rund um den Erdball. Dolly wurde als erstes geklontes Säugetier der Historie geboren – und löste in Wissenschaft und Ethik zahlreiche Debatten aus. Sein Name und seine Geschichte gingen um die Welt. Von anderen Klonen kann man das nicht behaupten. Von Tischtennis-Klonen nämlich. Genau, richtig gelesen: Tischtennis-Klone.

Wie fast immer, wenn es im Tischtennis innovativ wird, spielt auch diese Geschichte in China. Die Geschichte der Tischtennis-Klone. Die erlangten in Deutschland besondere Bekanntheit und Aufmerksamkeit nach der Jahrtausendwende, just als Timo Bolls Karriere so richtig Fahrt aufnahm. Schon früh hatte das damals noch junge Ausnahmetalent aus Deutschland den Ruf als chinesischer Staatsfeind Nummer eins inne. Denn er bedrohte – und das ausgerechnet wenige Jahre vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking – die schon damals eigentlich fast zementierte Vormachtstellung der Chinesen in ihrer Nationalsportart. Beim World Cup 2005 im belgischen Lüttich etwa spielte Boll das wohl beste Turnier seiner Karriere, schlug auf dem Weg zum Titel die drei besten Chinesen Wang Liqin, Ma Lin und Wang Hao der Reihe nach. Auch in der Weltrangliste schob sich Boll an allen Chinesen vorbei auf die Spitzenposition. Die aber hatten längst einen Plan geschmiedet, wie sie dem Deutschen beikommen könnten: indem sie tagtäglich gegen ihn spielten.

Das Besondere am Modell der Chinesen: Sie mussten Boll selbst noch nicht einmal dazu bewegen, sich mit ihnen in die Halle zu stellen. Die Chinesen hatten sich nämlich längst ihre eigenen kleinen Bolls geschaffen. Sie hatten Spieler ausgebildet, die Bolls besonderen Spielstil fast perfekt kopiert und seine charakteristischen Schläge im Repertoire hatten. Seinen Aufschlag, seine kurze Bewegung beim Vorhand-Tospin mit enorm viel Rotation – und das alles mit der linken Hand, Bolls Schlaghand. Die Boll-Klone dienten den Nationalspielern fortan als Sparringspartner, um sich besser auf ihren immer stärker aufkommenden Kontrahenten vorzubereiten.

Die Gerüchte, das Boll-Duplikate durch die Sporthallen Chinas sprangen, nahm das Original selbst mit Humor. Er sagte, er gehe davon aus, dass er gegen seine eigenen Kopien gute Siegchancen habe – schließlich kenne ja niemand seine Schwächen so gut wie er selbst, wie er der „Welt“ in einem Interview einst verraten hatte. Scherze wie diese waren seinerzeit bei Boll an der Tagesordnung. Tatsächlich war es Bolls Ritterschlag, dass sich die Chinesen derart intensiv seiner widmeten. Es war das Signal: Wir nehmen dich jetzt richtig ernst, Freundchen! Fraglich ist, wie viel die Boll-Klone dazu beigetragen konnten, dass ihr Original den Chinesen die ganz großen Titel fast nie vor der Nase wegschnappen konnte. Fraglos hingegen ist, dass es den Chinesen nicht geschadet haben kann, sich tagtäglich mit einem halb echten, halb falschen Boll im Training messen zu können.

Der Erste, dem diese besondere Form der Wertschätzung zuteil geworden war, war Boll allerdings bei Weitem nicht. Schon einige Jahre und Jahrzehnte zuvor kopierte China seine ärgsten Widersacher aus dem Ausland – in den Siebzigerjahren etwa den begnadeten Jugoslawen Dragutin Surbek. An das Klon-Schaf Dolly war damals noch längst nicht zu denken.

Verlag: Schwarzkopf-Schwarzkopf, ISBN: 978-3-86265-559-5
www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

 


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