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30.11.2016

Malu Dreyer: Ich bin so was von sauer!

STIMMEN: Olympia künftig nur noch im Privatfernsehen – Politiker, Funktionäre und Sportler aus der Region reagieren enttäuscht.

MAINZ/WIESBADEN.

Malu Dreyer, rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin (SPD) und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder: „Es ist klar, dass ARD und ZDF nicht ins Unendliche verhandeln konnten. Sie hatten ein relativ hohes Angebot gemacht. Ich bin außer mir, weil der Sport immer mehr zu einem kommerziellen Event verkommt und es den Machern, also dem olypischen Komitee, am Ende völlig egal ist, den Bürger beispielsweise über Subverträge die Olympischen Spiele breit zugänglich zu machen, inklusive Paralympics. Es geht nur noch um das Zocken im Sinne von Geld machen. Das ist ein Problem und birgt die Gefahr, dass der Sport perspektivisch an Beachtung verliert. Ich bedauere das zutiefst. Die Olympischen Spiele sind ein Weltereignis, auch ein Gemeinschaftsereignis. Ich finde es katastrophal, dass man solche Summen aufbieten muss. Meine Kritik geht ganz klar ans olympische Komitee. Ich bin so was von sauer!“

 

Dr. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen: „Es ist der Sieg der Gier über den Sport. Man kann auch sagen: Der Sport geht gegenüber dem Kommerz den Bach runter. Als ich gehört habe, dass Discovery einsteigt, war mir klar, dass sie mit aller Macht in den Markt reinkommen wollen. Sie haben strategische Ziele, die weit über den olympischen Gedanken hinausgehen. Ich bin froh, dass ARD und ZDF nicht weitergeboten haben – irgendwann ist auch mal Schluss. 100 Millionen Euro – dafür muss eine Bauersfrau im Vogelsberg lange für stricken. Die Leidtragenden werden letztlich die Sportler sein. Discovery wird ständig Werbepausen einbauen, um das Geld wieder reinzukriegen. Es wird ein völlig anderes Seh-Erlebnis geben als das, was wir bislang kennen.“

 

Nike Lorenz, Bronzemedaillegewinnerin mit der Damenhockey-Nationalmannschaft in Rio, ehemalige Spielerin des Wiesbadener THC: „Echt blöd, diese Entscheidung. ARD und ZDF sind für mich schon seriösere Sender als Eurosport. Es wird, fürchte ich, viele Leute abhalten, Olympia zu gucken, wenn sie das Programm erst suchen müssen. Und ob die Zuschauer bereit sind zu zahlen, um Hockey zu schauen, da bin ich auch skeptisch. Und was ist mit den Angeboten für hörgeschädigte und sehbehinderte Menschen, die ARD und ZDF bei ihren Übertragungen anbieten? Ob auch Eurosport daran wohl ein Interesse hat?“

 

Karin Augustin, Präsidentin des Landessportbundes Rheinland-Pfalz: „Es ist eine Katastrophe, dass Olympia nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen abgebildet wird. Wir haben immer wieder erlebt, dass sich viele Menschen während Olympia für so viele Sportarten begeistern und ein breites Spektrum verfolgen.

Das ist natürlich gerade für Sportarten wertvoll, die sonst nicht so im Blickfeld der Öffentlichkeit

stehen. Von daher ist die Entwicklung aus der Sicht des Sports dramatisch. Deshalb hoffe ich, dass sich vielleicht doch noch Lösungen finden. Allerdings kann ich auch ARD und ZDF verstehen. Das sind schon heftige Verhandlungen. Unabhängig davon sind in Zukunft die Sportarten an sich noch mehr gefordert, sich Gedanken zu machen, um für die Zuschauer interessanter zu werden.“

 

Julian Weber, Speerwerfer aus Mainz, Olympia-Neunter in Rio: „Ich bin empört über diese Entwicklung, sie ist sehr schade für uns deutsche Sportler: Der Höhepunkt im Leben vieler Sportler wird nicht mehr ohne Einschränkungen im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt. Ich hoffe, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht ganz das Interesse an den Sportarten verlieren, die bislang wenigstens als olympische Events gezeigt wurden.“

 

Gesammelt von Markus Lachmann, Tobias Goldbrunner, Dennis Rink und Frank Schmidt-Wyk

Pressedokumentation
 
Allgemeine Zeitung vom 30.11.2016

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