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09.03.2016

„Der Verband ist für die Vereine da"

TTVR-Präsident Heinz-Alfred Fuchs im Interview: Ehrenamtler brauchen mehr Wertschätzung - Zusammenarbeit mit dem RTTV läuft an - Neue Akzente im Freizeitbereich

Vor einem Jahr ist Heinz-Alfred Fuchs (69, Kasbach-Ohlenberg) ins Präsidentenamt des Tischtennisverbandes Rheinland zurückgekehrt. Im Interview zieht der langjährige Verbandsfunktionär und Ehrenpräsident eine kleine Zwischenbilanz. 

Herr Fuchs, Anfang März 2015 sind Sie nach neun Jahren vom Ehrenpräsidenten wieder an die operative Spitze des TTVR zurückgekehrt. Wie kam es zu dem doch sehr unkonventionellen Schritt?

Grundsätzlich wollte ich nicht mehr an einer verantwortlichen Stelle ehrenamtlich tätig werden, doch außergewöhnliche Situationen erforderten neue Überlegungen. In einer schwierigen Verbandsführungssituation wurde die Entscheidung dann sehr spontan im Einvernehmen mit dem Hauptausschuss des TTVR getroffen.  

Wie waren Ihre ersten Eindrücke damals?

Ich musste mich zunächst intensiv informieren, viel lernen und querfragen, um einen umfangreichen Wissenstand über das Verbandsgeschehen zu bekommen. Die Führungsetage war sehr unruhig, denn durch massive Störaktionen konnten keine geordneten Maßnahmen mehr umgesetzt werden. Die noch verbliebenen Präsidiumsmitglieder und die Hauptamtler konnten unter enormen Außendruck nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Heute kann ich sagen, dass nach schwierigen Zeiten wieder etwas Ruhe eingekehrt ist.

Was sind die dringlichsten Aufgaben?

Wichtig ist, dass wir den Bereich Jugendsport im Breitenspektrum neu überdenken und neue Akzente und Anreize im Schulsport setzen. Gleiches gilt für den Kaderbereich in den Regionen und auf Stützpunktebene des Verbandes. Es ist deutlich erkennbar, dass der Spielbetrieb in den Nachwuchsklassen stark nachgelassen hat. Hier müssen wir aktiv werden und vor allem auch im Mädchenbereich neue Wege gehen. Dort ist der Rücklauf überproportional hoch. Mir schwebt vor, dass wir Sonderaktionen starten und versuchen, neue Ehrenamtlerinnen zu finden, die einen besseren Draht zu den Mädchen haben, und so diesen Bereich neu aufzubauen. Wir brauchen definitiv auch mehr Trainerinnen in den Vereinen.

Wie schätzen Sie das Leistungsniveau des Verbandsnachwuchses ein?

Perspektivisch gesehen, tut sich im Schülerbereich einiges, was vielversprechend werden kann. Hier muss kontinuierlich trainiert und gearbeitet werden. Da sind unter unserem Verbandstrainer Carsten Schmidt deutliche Fortschritte zu sehen. 

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit den Vereinen?

Ich möchte die Vereine wieder spüren lassen, dass hier ein Verband hinter ihnen steht, der dort hilft, wo es nötig ist. Da scheint es einen Nachholbedarf zu geben. Hier sollten wir gemeinsam Maßnahmen und Ideen entwickeln, um wieder neue Leute im ehrenamtlichen Bereich für unseren Sport zu gewinnen. Kinder sind da, aber die Motoren fehlen. Wobei die ehrenamtliche Bereitschaft grundsätzlich vorhanden ist, aber nicht mehr in der Form, wie es früher der Fall war. Da wurde man für mehrere Jahre gewählt und hatte dann die Pflicht, in dem jeweiligen Amt zu arbeiten. Heute sind die Menschen eher projektbezogen zu begeistern. Da muss ein Umdenken erfolgen. 

Was muss der Verband konkret tun?

Wir müssen unseren Vereinen noch mehr Hilfestellungen und Instrumente an die Hand geben, um das Ehrenamt wieder attraktiver zu machen. Das ist organisatorisch eine Riesenherausforderung, die wir gemeinsam angehen werden. Wir müssen neue Anreize setzen und zeigen, dass der Verband für die Vereine da ist und nicht die Vereine für uns da sind. Unsere Vereine sind das Herzstück unserer Sportart. Das wollen wir fördern und auch belohnen. Ich denke, wir haben uns in den vergangenen Jahren zu viel mit uns selbst beschäftigt und an Satzungen und Verordnungen gearbeitet. Da ist einiges an Potenzial und Zeit verloren gegangen. 

Was heißt das perspektivisch?

Wir brauchen langfristig professionelle Unterstützung durch hauptamtliche Mitarbeiter, um die umfangreichen Aufgaben zu bewältigen und um den Verband samt Vereinen in eine gute Zukunft zu führen. Wir wollen nicht zurück, sondern nach vorne blicken. Heute ist es kaum noch möglich, dass zentrale Aufgaben in der Führungsspitze ehrenamtlich zu bewältigen sind oder ein Ehrenamt langfristig auszuüben ist. Das sprengt mitunter weitgehend den Rahmen dessen, was man Familien und auch dem Arbeitgeber zumuten kann.  

Heißt das auch, dass es zu viel Bürokratie im Verband gibt?

Mir ist aufgefallen, dass wir in vielen Bereichen überreglementiert sind. Die ursprüngliche Spontanität und Kreativität, die einen Verband ausmacht, ist dadurch stark gehemmt. Sicher muss ein Mannschaftsspielbetrieb auch in einem gewissen Maße geregelt sein, aber wir dürfen unseren Vereinen und Aktiven auch nicht zu viel zumuten. Zu viele Regeln, Vorschriften und E-Mails fressen kostbare Zeit auf und rauben viel Kraft. Da müssen wir Vieles verschlanken und vereinfachen.

Wo liegt da der Ansatz?

Wir werden versuchen, in einem Juniorteam junge Leute, die sich für unsere Sport interessieren, für ehrenamtliche Tätigkeit zu sensibilisieren. Jungen Mitarbeitern müssen wir aufzeigen, in welchen Bereichen sie sich einbringen können und was für sie gegebenenfalls interessant wäre. Das ist ein großes Thema. Der Verband muss interessierte Mitarbeiter stärker an die Hand nehmen und das Gefühl der Wertschätzung neu vermitteln. Die Gesellschaft hat sich verändert, die gegenseitige Akzeptanz und das Miteinander haben darunter deutlich gelitten. 

In puncto Verwaltung hat der TTVR mit einer umfangreichen EDV-Plattform ja bereits große Fortschritte gemacht. Ist das ein Weg, um Vieles zu vereinfachen?

Ja, hinsichtlich unserer EDV-Plattform ist der TTVR deutschlandweit führend. Da haben wir hervorragende Mitarbeiter, die sich für die Vereine einsetzen und Hilfestellungen geben. Generell müssen wir aufpassen, dass die Mitarbeiter, die im ehrenamtlichen Bereich in den Vereinen und Regionen unterwegs sind, nicht verheizt werden. Jede Idee, die zu einer Entlastung führt, hilft hier weiter. Da muss der Verband seiner Fürsorgepflicht nachkommen und in puncto Aufwand verträgliche Strukturen für alle schaffen.

Ist vor diesem Hintergrund auch die angestrebte Zusammenarbeit mit dem Tischtennisverband Rheinhessen zu sehen?

Ja, da sind wir in guten Gesprächen. Beide Verbände wollen künftig Maßnahmen und Veranstaltungen zusammen durchführen und somit Synergieeffekte erreichen, die allen - ganz gleich ob den Vereinen oder  ehrenamtlichen Mitarbeitern - erheblich weiterhelfen. Allein aus Kosten- und Ehrenamtssicht ist eine Zusammenarbeit zwingend erforderlich. Wie sich das in Zukunft entwickelt, liegt auch in der Entscheidung des Verbandstages. 

Der Freizeitbereich boomt, ist das der Weg der Zukunft?

Der TTVR will sich auf jeden Fall verstärkt auch im Breiten- und Freizeitsport einbringen. Hier ist der neu geschaffene Rheinlandcup zu nennen, der schon im ersten Jahr von den Aktiven und Vereinen hervorragend angenommen worden ist. Unkompliziert und Zeit sparend Turniere auszurichten und zu spielen, trifft den Nerv unserer Sportler. Tischtennis ist zum einen Leistungssport, aber auch Freizeit- und Gesundheitssport. Da müssen wir weitere Schwerpunkte setzen, neue Ideen kreieren und Alternativen zum organisierten Mannschaftsspielbetrieb aufzeigen. Was auch für den Betriebssport gilt, den wir stärker unterstützen wollen. Der Rheinlandcup kann da nur der Anfang sein. Erfolgreiche Modelle wie die 4er-Tischturniere oder Clickball zeigen ja bereits auf, was alles möglich ist. 

Wie wichtig ist die Unterstützung seitens der Vereine?

Eines ist klar: Ohne die Hilfe der Vereine kann der Verband gar nichts machen. Wir müssen mit unseren Vereinen gemeinsame Ideen entwickeln und diese dann auch umsetzen. Dann, und nur dann, ist der Tischtennissport zukunftsfähig. Hier müssen alle Institutionen größtmögliche Flexibilität und Kreativität an den Tag legen. 

Das Gespräch führte Rainer Stauber


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