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Sport Senioren
16.07.2015

Wunners Wunsch: Zum 80. soll die WM-Medaille im Trophäenschrank hängen - spätestens

Foto: Klaus Riddering

Senioren-EM: Gold und Bronze in Tampere - Die 76-jährige Athletin des SV Rheinbreitbach über stolze Finnen, teure Klamotten und große Ziele

Rheinbreitbach/Tampere.

Sie spielt und spielt und spielt - und wird der unbändigen Leidenschaft für ihren Sport nicht müde. Ganz im Gegenteil: Wenn Heidi Wunner am Tischtennistisch steht, dann tut sie dies mit ganzem Herzen und das obendrein auch noch äußerst erfolgreich. So kehrt die Seniorin des SV Rheinbreitbach zumeist mit reichlich Edelmetall dekoriert zurück von den schier zahllosen Wettbewerben, welche den Weg der 76-Jährigen während einer Saison pflastern. Und das seit vielen, vielen Jahren.

Jüngstes Beispiel: Von der Europameisterschaft der Senioren im finnischen Tampere brachte Heidi Wunner gleich zwei Medaillen mit. Bronze im Einzel krönte die emsige Seniorin im Doppelwettbewerb gar mit Gold, als sie mit ihrer Partnerin Karla Gutschmidt (sie wechselte zur neuen Saison von der TTG Torney/Engers zum TTC Nentershausen) ein fantastisches Turnier auf die Tische zauberte.

Doch auch über das bloße Ergebnis hinaus weiß die 76-jährige so manches zu erzählen - von ihrem erstmaligen „Abenteuer Finnland“ bis hin zu den ehrgeizigen Plänen, die Wunner spätestens bis zum 80. Geburtstag verwirklichen will. „Dann soll endlich auch eine WM-Medaille her, dann möchte ich endlich auch bei einer Weltmeisterschaft aufs Treppchen“, sagte die ehemalige Damenwartin des Tischtennisverbandes Rheinland. Denn Edelmetall bei einer WM - das fehlt ihr noch, obwohl sie mehrmals kurz davor stand. Darüber hinaus jedoch hat Wunner fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Ganz gleich in welcher Herren Länder.

Und wie so viele Wettkämpfe wird ihr auch das „Abenteuer Finnland“ in bester Erinnerung bleiben. „Die Organisatoren waren mächtig stolz. Sie haben es aber auch richtig toll gemacht“, berichtet Wunner von ihrer Zeit in Tampere, wo erstmals die Europameisterschaften der Senioren eine Heimat fanden. „Ich habe selten bei internationalen Wettkämpfen eine so gute Organisation erlebt“, lobte sie. Das wiederum werden die Finnen gern hören.

Nun werden Senioren-Titelkämpfe nicht nur durch den ehrgeizigen Kampf um Punkte geprägt, ganz gleich welches Alters. Auch sind es regelmäßig riesige Familientreffen, wenn die Senioren aus aller Welt zusammenkommen, um ihre Kräfte zu messen. Die Freundschaften, die dort im Laufe der Jahrzehnte entstehen, halten nicht selten ein Leben lang. So ging es für Heidi Wunner abseits der Wettkämpfe in Tampere auch auf Entdeckungstour. „Der Aussichtsturm unweit unseres Hotels hat uns einen wunderbaren Ausblick über die gesamte Stadt beschert“, erzählt die umtriebige Trainerin des Nachwuchses des SV Rheinbreitbach. Aber auch dies: „In den Geschäften in Finnland ist alles unheimlich teuer - vor allem Klamotten. Und die Sprache ist so schwer, die kannst du gar nicht aussprechen - geschweige denn verstehen.“

Umso besser war das Verständnis mit ihrer Partnerin Karla Gutschmidt am Tischtennistisch. Zwar hagelte es zunächst direkt im ersten Gruppenspiel eine Niederlage im Duell gegen das deutsche Duo Karin Niemeyer/Brunhilde Tilkowski. Doch mit einem Aus in der Gruppenphase wollten sich Wunner/Gutschmidt nicht abfinden. „So wollten wir uns nicht verabschieden“, sagte Wunner und spielte fortan mit Gutschmidt ihre ganze Routine aus. Was letztendlich auch im Finale fruchten sollte und dem TTVR-Duo die Goldmedaille brachte.

„Wir hatten zuvor nur ab und zu mal gemeinsam Doppel gespielt, und das auch nicht besonders erfolgreich. Aber auf die EM haben wir uns toll vorbereitet“, freute sich die 76-Jährige, dass es am Ende bis ganz nach oben aufs Treppchen reichte. Eine Erfolgsgeschichte, die fortgesetzt werden soll: „Wir können noch drei Jahre gemeinsam in einer Altersklasse spielen. Diese Zeit wollen wir nutzen“, kündigte Wunner an. Was nichts anderes heißt als, dass die Jagd nach internationalen Medaillen weiter geht. Schließlich darf sich das Duo nun Europameister nennen.

Dass obendrein noch Bronze im Einzel heraussprang, macht Wunner zu recht stolz: „Ich bin sehr zufrieden, es ist richtig gut gelaufen.“ Ist es, zumal sich ihre EM-Medaillenbilanz seit Tampere nun so liest: zweimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze.

„Seit 2000 war ich fast immer dabei“, erzählt Heidi Wunner. Einzig die WM in Japan sowie die EM in Italien (wegen eines Armbruchs) ließ sie aus. Und die EM in Göteborg. „Dort bin ich nicht hingefahren, um für Neuseeland zu sparen“, so Wunner. Denn in Neuseeland ging es wenig später um die WM-Medaillen, und solch eine fehlt ja schließlich noch in der umfangreichen Sammlung der Rheinbreitbacherin. Auch wenn es in Neuseeland dann nicht reichen sollte: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Zum Tischtennis kam Heidi Wunner einst im zarten Alter von 29 Jahren. Nach einem privaten Schicksalsschlag gab ihr der Sport neue Kraft. Wobei sie selbst sagt: „Das war eher Pingpong, was ich damals gespielt habe. Erst als ich begonnen habe, ernsthaft zu trainieren, wurde es besser.“ Und wie. Doch das bloße Spielen reichte ihr schon bald nicht mehr. Als Wunner 1975 aus Niedersachsen nach Rheinbreitbach zog, machte sie prompt auch ihren Übungsleiterschein. Für den SV war dies ein Volltreffer im Lotto: Generationen von Jugendlichen hat sie geschult, auch heute steht die 76-jährige noch regelmäßig in der Sporthalle. Und trainiert selbst fleißig: „Dreimal die Woche“, sagt Heidi Wunner leise. Wie oft sie zudem im hauseigenen Tischtennis-Keller übt, das verrät sie nicht. Man muss schließlich auch nicht alles erzählen.

Rainer Stauber


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